Ostdeutschland
Osten ist Hamburger Schule I_
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Autor: in Freiberg, Sachsen geboren, selbstständig in der Lausitz auf dem Land

Clemens Kießling

Es ist schon erstaunlich… Im Osten geht die Sonne auf, aber keiner will diesen Sonnenaufgang sehen? Zumindest ist die Wahrnehmung, dass alle hier weg wollen – nach Berlin oder Hamburg. Wie in einem Schleppnetz voller Starbucks-Cafés und übersättigter Clubszene drängen sich die Jungen und Ambitionierten, die noch rein passen und nicht durch die Maschen gleiten in die übervollen Metropolen. Manchmal glitscht einer nach oben und fällt wieder rein zu den 1000 anderen – schade, kein Durchbruch…
Erstaunlich ist das, weil so viele die Enge wählen, die Austauschbarkeit, den letzten freien fleck in der Menge, den es eigentlich schon gar nicht mehr gibt. Da haben Leute – die meisten von ihnen jedenfalls – großartige Fähigkeiten, Motivation und Visionen und gehen damit an den einzigen Platz, an dem sie eine(r) von Millionen sind. Warum? Warum wollt ihr das Projekte Pitchen, das Connecten, das Designen da machen, wo ihr so limitiert seid? Limitiert von Konkurrenz, von Platz, von Kosten, von Beachtung… Ehrlich, es ist mir ein Rätsel. Ihr beklagt zurecht, das es an Wohnungen fehlt, an Ateliers und Büros, die nicht genau wie alle anderen Räume auch zusätzlich als Air BnBs angeboten werden. Aber seid ihr nicht am Zug?

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Ich weiß, es ist provokant, aber die Räume sind da – nur ihr fehlt. Weil ihr euch lieber mit Kugel am Fuß durch den Großstadt-Hindernisparcours quält? Seid ihr Alltags-Tough-Mudderer, die mit anderen zusammen im Schlamm stecken müssen, damit euer Kampfgeist besser sichtbar wird? Glaub’ ich nicht. Ich glaube, ihr traut euch noch nicht ins trübe Wasser zu springen. Aber das Land ist nicht destilliert – ein bisschen Leben gibt es schon…
Meine Jugendliebe ist die Hamburger Schule, sie hat mich auf’s Land begleitet. Ich hatte diese großartige Musik schon fast wieder vergessen. Seitdem ich im ländlichen Raum lebe und arbeite, erinnern mich täglich Situationen an Zeilen von Tocotronic, Tomte, Die Sterne und Element of Crime und wenn es nicht immer noch zwei Teile Deutschlands wären, würd’ ich sagen: Der Osten ist Hamburger Schule!
“Ich mag die Tiere nachts im Wald. Wenn sie flüstern, dass es schallt. Ich mag den Weg, ich mag das Ziel. Den Exzess, das Selbstexil. Ich mag erschaudern und nicht zu knapp. Ich gebe jedem etwas ab. All das mag ich! Aber hier leben, nein danke…” – Tocotronic
Natürlich wirst du hier auf dich selbst zurück geworfen – auf wen denn sonst? An manchen Tagen bist du hier pünktlich ab 18 Uhr dir selbst überlassen. Aber es gibt Phasen, in denen es dich retten kann, vor der Reflexion nicht fliehen zu können. Die Hektik der großen Stadt wird dich niemals so ehrlich, so hässlich und schön zugleich spiegeln. Die Lichter, das Update vom Update, Clubs, Trends, die sich überholen – Kommst du noch dazu, dich selbst zu sehen? Je erwachsener ich werde, desto wichtiger sind mir Persönlichkeiten. Persönlichkeiten, die wie Felsen Wellen wegstecken und trotzdem immer Fels bleiben. Du begegnest Menschen, die schon vielen politischen und gesellschaftlichen Wellen standgehalten haben und du begegnest dir selbst auf dem Weg so ein Mensch zu werden oder nicht – jeden Tag. Auf dem Land und in der kleinen Stadt bist du gezwungen, Charakteren immer wieder zu begegnen – und dich selbst in anderen zu sehen. Dabei können Kanten brechen, aber von Welle zu Welle spült es einen nur zurück.

“All das mag ich… aber hier leben?…” Warum eigentlich nicht? Mutig wär’s…

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